Tierkommunikation: Wie unterhalten sich Tiere?
Wissenswertes über Fledermaussprache
Warum ist Fledermaussprache so interessant?
Weil sie uns ein Fenster in die Gedankenwelt von Tieren öffnet. Wenn wir verstehen, wie Tiere Informationen austauschen, erfahren wir mehr darüber, was sie von ihrer Umwelt wahrnehmen, was ihnen wichtig ist und wie sie Entscheidungen treffen. Es geht also nicht nur um Töne, sondern auch um Wissen, Gefühle und Zusammenleben in einer Tiergruppe.
Jede neue Entdeckung hilft uns, Fledermäuse besser zu verstehen.
Prof. Dr. Mirjam Knörnschild ist Verhaltensbiologin und Fledermausfan.
Sie lebt in Berlin und arbeitet am Museum für Naturkunde.
Hier findet ihr vier verschiedene Lautäußerungen des Großen Abendseglers. Alle Lautaufnahmen wurden um den Faktor 4 verlangsamt, damit wir die hohen Töne überhaupt hören können. In Originalgeschwindigkeit würden wir nur ein sehr feines und hohes Zirpen wahrnehmen.
Der „Hallo“-Ruf (er heißt in der Fachliteratur tatsächlich so!), mit dem ein Männchen Weibchen zu sich in seine Baumhöhle ruft und gleichzeitig andere Männchen auf Abstand hält.
Der Gesang eines balzenden Männchens, das versucht, Weibchen auf sich aufmerksam zu machen. Dieser Gesang wird im Gegensatz zum Hallo-Ruf sehr häufig im Flug produziert. Das Männchen fliegt beim Singen in großen Bögen um seinen Quartierbaum.
Isolationsrufe, mit denen ein Jungtier seine Mutter um Unterstützung bittet (weil es gesäugt, gewärmt oder abgeholt werden will).
Echoortungsrufe mit Terminalphase, mit denen sich der Abendsegler orientiert und nach Nahrung sucht. Am Ende der Aufnahme, in der Terminalphase (klingt wie ein Buzz), hat er ein Insekt gefangen, deshalb ruft er so häufig und schnell hintereinander.
Was wäre, wenn wir uns mit Tieren unterhalten könnten?
Wahrscheinlich würden wir zuerst merken, dass Tiere anders „sprechen“ als wir und auch über andere Dinge. Viele Tiere kommunizieren vor allem über das, was für ihr Leben wichtig ist: Wo es Futter gibt, wer zur Gruppe gehört, ob Gefahr droht, oder wo ein sicherer Platz zum Schlafen und Aufziehen der Jungen ist. Bienen können ihren Artgenossinnen zum Beispiel durch einen Tanz zeigen, wo eine gute Futterquelle liegt.
Wölfe heulen, damit das Rudel Kontakt hält und andere Wölfe wissen, welches Gebiet besetzt ist. Delfine nutzen typische Pfeiflaute, an denen sie sich gegenseitig erkennen, fast wie Namen. Und Elefanten „sprechen“ mit sehr tiefen Tönen, die weit durch die Landschaft tragen.
Warum wird Tierkommunikation erforscht?
Wenn wir verstehen, was Tiere einander mitteilen, verstehen wir auch besser, was sie brauchen. Das hat ganz praktischen Nutzen. Wenn wir wissen, wann Tiere Stress signalisieren oder welche
Orte für sie besonders wichtig sind, können wir dafür sorgen, dass Tiere weniger gestört werden. Zum Beispiel helfen uns unsere Erkenntnisse über Fledermauskommunikation beim Schutz dieser
Tiere, weil wir besser erkennen können, wo sie Ruhe brauchen, welche Orte für sie besonders wichtig sind und wie wir Störungen vermeiden. Gleichzeitig können wir anderen Menschen zeigen, wie faszinierend Fledermäuse wirklich sind: nicht gruselig, sondern klug, sozial und überraschend gesprächig. Je mehr Menschen davon wissen, desto größer ist die Chance, dass Fledermäuse und ihre Lebensräume gut geschützt werden.
Was würden wir uns wohl gegenseitig sagen?
Wir Menschen würden Tieren vielleicht gerne versprechen: „Wir passen besser auf eure Lebensräume auf.“ Tiere würden uns wahrscheinlich oft etwas sehr Einfaches mitteilen: „Gib mir Raum,
Ruhe und ein Zuhause.“ Vielleicht wäre genau das der wichtigste Effekt: Je besser wir Tiere verstehen, desto schwerer fällt es, ihre Welt zu übersehen. Wer zuhört, nimmt Rücksicht und fühlt
sich der Natur mehr verbunden.
Fledermaussprache zu erforschen, ist gar nicht so einfach.
Um die Fledermaussprache zu erforschen, braucht man jede Menge Zeit, Geduld und einige technische Hilfsmittel. Freilebende Tiere muss man immer erst vorsichtig daran gewöhnen, dass plötzlich ein Mensch in ihrer Nähe sitzt und sie aufmerksam beobachtet. Unsere Beobachtungen klappen am besten, wenn die Fledermäuse dafür in ihrer gewohnten Umgebung sind. Da Fledermäuse überwiegend nachts wach sind, brauchen wir spezielle Kameras und Ferngläser, mit denen wir im Dunkeln sehen können. Und wir benötigen speziell für Ultraschall geeignete Mikrofone und Aufnahmegeräte, denn Fledermäuse sprechen meist im Ultraschall miteinander, also mit sehr hohen Tönen, die für uns Menschen unhörbar sind. Mit diesen Lauten können sie zum Beispiel miteinander Kontakt halten, ihre Jungen
finden oder andere Fledermäuse warnen.
Fledermäuse können nicht nur sprechen, sondern auch sehen.
Fledermäuse haben ganz normale Augen und nutzen ihr Sehen vor allem in der Dämmerung und bei Mondlicht, zum Beispiel um sich am Himmel, an Baumlinien oder an großen Gegenständen zu orientieren. Viele Fledermäuse sehen dabei besser im Dunkeln als wir Menschen, auch wenn sie Farben meist nicht so gut unterscheiden können. Aber ihre Stimme ist ihre Superkraft. Mit den Rufen „tasten“ sie die Umgebung ab und merken zum Beispiel: Wo ist ein Ast ganz in der Nähe? Wo fliegt ein Insekt? Und gleichzeitig können sie Kontakt halten, sich warnen oder ihre Jungen wiederfinden. Das Spannende ist: Fledermäuse können all das parallel nutzen – sehen und rufen. Man kann sich das so vorstellen: Die Augen helfen fürs Grobe, die Rufe für die feinen Details, besonders wenn es richtig dunkel ist.
Wie können wir Fledermäuse verstehen?
Um zu erforschen, was sich Fledermäuse gerade mitteilen, müssen wir die Tiere ganz genau beobachten: Wann rufen sie? Mit wem sind sie zusammen? Was passiert kurz davor und direkt danach?
So können wir sehen, ob ein Ruf eher ein „Hier bin ich!“, ein „Bleib weg!“ oder ein „Komm mit!“ ist. Fledermauskommunikation und menschliche Sprache haben also durchaus einige Gemeinsamkeiten. Aber menschliche Sprache ist trotzdem etwas Besonderes. Wir können über Dinge sprechen, die gerade gar nicht da sind („gestern“, „morgen“, „Einhörner“) und wir können unendlich viele neue Aussagen erfinden. Fledermausrufe sind meist stärker an bestimmte Situationen gebunden: Gefahr, Nähe, Streit, Mutter-Kind, Partnersuche.
Besonders spannend sind sogenannte Playbackversuche: Dabei spielen wir Fledermäusen bestimmte Rufe über Lautsprecher vor und schauen, wie sie reagieren. Wenn eine Fledermaus auf einen
Ruf so antwortet, wie wir es vorausgesagt haben, wissen wir, dass wir auf der richtigen Spur sind. Künstliche Intelligenz hilft uns dabei zu erkennen, welche Rufe ähnlich klingen, welche oft zusammen auftreten und welche vielleicht zu einer bestimmten Situation passen. Das ersetzt unsere Beobachtungen nicht, aber es macht sie schneller und genauer.
Wie kann man selbst mit Tieren sprechen?
Um mit Tieren zu kommunizieren, muss man zuallererst gut zuhören und genau hinschauen. Ihr habt das sicher schon selbst erlebt: Ein Hund bellt nicht immer „gleich“, und eine Katze zeigt mit
Ohren, Schwanz oder Körperhaltung, ob sie Nähe will oder lieber Abstand. Tiere kommunizieren also nicht nur mit Lauten, sondern auch mit Blick, Bewegung und dem Abstand, den sie zulassen.
Wer Lust hat, kann sich beim nächsten Spaziergang einfach einen gemütlichen Platz suchen und beobachten, wie sich verschiedene Tiere verhalten. Kommt ein Laut immer in derselben Situation vor? Was passiert direkt danach? Dabei ist es wichtig, respektvoll und geduldig zu sein. Tiere fühlen sich schnell gestört, gerade Wildtiere. Wenn man ruhig bleibt und ihnen Raum lässt, sieht man oft viel mehr. Bei Fledermäusen ist es zusätzlich so, dass viele ihrer Rufe im Ultraschall liegen – wir können sie nicht hören. Trotzdem lässt sich einiges verstehen, wenn man beobachtet, wo sie in der Dämmerung jagen. Und wer mag, kann an einer Bat-Detektor-Führung teilnehmen: Dann wird aus dem scheinbar stillen Abendhimmel plötzlich ein Ort voller Stimmen.
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