Pflanzenschutzmittel vernichtet nicht nur Insekten!

Wissenswertes über Fledermäuse und Umweltgifte

Um 1950 konnte man Fledermäuse in Deutschland in großer Zahl finden. Die Kleine Hufeisennase war besonders gut aufzuspüren. Man fand sie leicht in Kirchen, Scheunen und Kellern, in jedem Dorf und jeder Stadt, da sie tagsüber frei an der Decke hing und sich nicht, wie viele andere Fledermausarten, in Spalten versteckte. Sie ist zwar klein, aber durch ihr seltsames Gesicht mit einem an ein Hufeisen erinnernden Nasenaufsatz leicht von anderen Arten zu unterscheiden. Außerdem legt sie im Schlaf ihre Flughäute wie einen Mantel vollständig um den Körper. Das macht sonst keine einheimische Fledermausart. 

Zehn Jahre später, 1960, brachen die Fledermausbestände dramatisch ein. Langsam, aber stetig zählten die Fledermausforscher immer weniger Kleine Hufeisennasen. Neben dem Verlust der Quartiere und der direkten Tötung werden immer wieder Umweltgifte als Hauptursache genannt. 

 

 

Was sind Umweltgifte?

Umweltgifte sind ganz allgemein Stoffe, die von Menschen in die Umwelt gebracht werden und dort Tiere, Pflanzen oder Pilze schädigen. In der Landwirtschaft werden einige Gifte, sogenannte Pestizide, absichtlich verwendet, um lästige Lebewesen oder Unkräuter abzutöten. Schädlingsbekämpfungsmittel, die Insekten vernichten, nennt man Insektizide. Unkrautbekämpfungsmittel heißen Herbizide. Die Hersteller nennen ihre Gifte gerne „Pflanzenschutzmittel“, damit es nicht so schlimm klingt. Andere Umweltgifte sind in Holzschutzmitteln, die beim Bau verwendet werden, um gefräßige Schädlinge, wie  Holzwürmer, zu töten. 


Fledermäuse waren vom Aussterben bedroht.

Holzschutzmittel wurden oft auf Dachböden versprüht. Dort lebende Fledermäuse wurden davon geschädigt. Dazu kamen die Pestizide. Fledermäuse nahmen sie über Insekten auf, die sie fraßen. Zusammen sorgte dies dafür, dass Fledermäuse keine Jungen mehr bekommen konnten oder diese rasch starben, denn viele Gifte reicherten sich in der Muttermilch der Fledermäuse an und wurden an die Jungtiere beim Säugen weitergegeben. Eine schreckliche Vorstellung: Die Mütter haben ihre eigenen Jungen vergiftet! Zusätzlich töteten die Pestizide Insekten in unendlicher Zahl und nahmen damit den Fledermäusen ihre Nahrung weg.

Kein Wunder, dass 1975 fast alle Fledermausarten vom Aussterben bedroht waren. Von ehemals Millionen Kleinen Hufeisennasen gab es kaum noch 100 Exemplare! Einen ähnlichen Rückgang konnte man bei Vogelarten nachweisen. Beim Wanderfalken und einigen anderen Vögeln wurde z. B. durch ein Insektizid die Eierschale so dünn, dass sie ihre Eier nicht mehr erfolgreich bebrüten konnten.

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Sind Fledermäuse heute sicher?

Viele Umweltgifte wurden in Europa verboten und langsam konnten sich die Fledermausbestände erholen. Auch die Kleine Hufeisennase. Sowohl für die Landwirtschaft als auch beim Bau entwickelte man vermeintlich umweltfreundliche Ersatzstoffe. Aber auch diese sind nicht ungefährlich. Sie werden zwar schneller in der Natur abgebaut, können aber trotzdem schädlich für Fledermäuse sein. Egal, ob sie Krebs auslösen oder nur ein angeblich „böses“ Insekt wie die Stechmücke töten, ihr Einsatz hat immer Auswirkungen auf die Umwelt und damit auch auf Fledermäuse und Vögel. 

So dachte man lange, dass ein bestimmtes Mittel, das sogenannte BTI, nur Stechmücken abtötet. Seit einigen Jahren weiß man aber, dass es auch die kleine, harmlose Zuckmücke tötet. Sie ist die Hauptnahrung unserer kleinsten Fledermausart, der Mückenfledermaus. 

 

Das große Insektensterben

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In den letzten Jahren wurde bei Insekten ein dramatischer Rückgang der Bestände weltweit beobachtet. Das Ganze erinnert an den Rückgang der Fledermäuse vor über 70 Jahren. Auch heute stehen moderne Umweltgifte, besonders die Pestizide, im Verdacht, der Hauptauslöser für das massive Insektensterben zu sein. 

Neben Fledermäusen sind auch andere Tierarten, die sich von Insekten ernähren, gefährdet. Bei Vögeln ist seit einigen Jahren ein starker Rückgang zu beobachten. Schuld sind aber nicht nur die Umweltgifte allein. Unsere ganze Umwelt verändert sich und wird für viele Arten immer lebensunfreundlicher. Dabei spielen auch der Straßenverkehr und die „Lichtverschmutzung“ eine große Rolle. An Straßenlampen sterben unzählige Insekten, die vom Licht angelockt werden. Insekten brauchen Lebensräume, doch jeden Tag wird in Deutschland eine Fläche so groß wie 88 Fußballfelder neu verbaut. 

Was ist zu tun?

 

 

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Städte und Gemeinden sollten sich bewusst werden, dass nicht überall Wohn- und Industriegebiete notwendig sind. Und selbst wenn man diese anlegt, müssen sie nicht vollständig betoniert und überall beleuchtet sein. 

In der Landwirtschaft sollte nicht nur auf die möglichst günstige Erzeugung von Nahrungsmitteln geachtet werden. Kosten für die Umwelt und die Qualität der Lebensmittel sollten mehr in den Vordergrund gestellt werden. Lieber etwas weniger herstellen, als Massenware zum günstigen Preis. 

Landwirte sollten auch für ihre Arbeit als Landschaftsgestalter bezahlt werden: die Neuanlage von Hecken, Baumreihen, die naturnahe Gestaltung von Waldrändern sowie die Anlage von Brachflächen und naturnahen Wiesen und deren Pflege. 

 

Was können wir tun?

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Im eigenen Garten sollten wir keine Pflanzenschutzmittel einsetzen. Jeder Schädling hat auch einen Gegenspieler, der ihn frisst. Für bestimmte Pflanzenschädlinge kann man Fressfeinde ansiedeln. Gerade Fledermäuse sind hervorragende Insektenbekämpfer, man muss ihnen nur Quartiere und Lebensraum lassen. Man kann leicht Fledermaus-, Vogel- und Insektenkästen bauen und sie im Garten oder auf dem Balkon aufhängen. Es gibt auch Pflanzen, die nachtaktive Insekten anlocken. Wenn man diese anpflanzt, tut man auch etwas Gutes für die Fledermäuse. 

Auch was wir essen und wie wir einkaufen, hat Auswirkungen auf die Umwelt. Billige Nahrung kann nicht nachhaltig und damit gut für die Umwelt hergestellt worden sein. Produkte aus der Bio-Landwirtschaft werden ohne Umweltgifte produziert. Sie sind zu bevorzugen. Wer die Möglichkeit hat, sollte lieber vor Ort auf einem Hof oder auf dem Wochenmarkt beim Produzenten kaufen. 

Jeder kann bei Umwelt- und Naturschutzverbänden mitmachen und sie damit auch stärken.

 

Zum Autor: Dr. Andreas Kiefer ist Biologe und Vater von zwei Kindern. Er lebt in der Eifel. Seit 30 Jahren ist er Fledermausforscher und -schützer. Er arbeitet an der Universität Trier und für den NABU Rheinland-Pfalz.